Zum Tod des Regisseurs Peter Zadek

Der große Theatermann starb im Alter von 83 Jahren

30.07.2009 Nicole Korzonnek

Für die einen war er Kult, für die anderen war er Trash: Wie kein zweiter polarisierte Peter Zadek mit seinen Inszenierungen die Theaterwelt.

Mit einem Paukenschlag gelang Peter Zadek, der am 19. Mai 1926 in Berlin geboren wurde und später mit seinen jüdischen Eltern nach Großbritannien immigrierte, im Jahr 1957 sein Durchbruch als Regisseur, nachdem er sich zuvor in der englischen Provinz erste Meriten verdient hatte, wo er Inszenierungen im Akkord auf die Bühnen brachte. Es ging für ihn nämlich endlich nach London, wo es galt, Jean Genets „Balkon“ auf die Bretter der Welt zu stemmen. Aus dem Paukenschlag wäre übrigens fast ein Pistolenschuss geworden, denn nicht die Regie von Peter Zadek sorgte für enorm viel Aufsehen, sondern der Dramatiker Genet selbst, der während der Aufführung auf die Bühne sprang und den jungen Regisseur mit einer Pistole bedrohte, weil er sein Stück falsch interpretiert und verschandelt sah.

Mit Kurt Hübner und Peter Stein nach Bremen

So ähnlich erging es Zadek dann auch, als er 1961 von Kurt Hübner nach Ulm geholt wurde, wo er Brendan Behans „Geisel“ mit inszeniertem Wahnsinn und gewolltem Realo-Proletariat förmlich sprengte, und zudem den Zuschauerraum in dicken irischen Nebelschwaden verschwinden ließ. So etwas war das Ulmer Publikum nicht gewohnt – ein neuer Skandal ward geboren. Das alleine hielt Hübner natürlich nicht davon ab, den alternden Jungregisseur mit nach Bremen zu nehmen, wo er zusammen mit Kollegen wie etwa Peter Stein den sogenannten „Bremer Stil“ prägte. Revoltierte Stein mit Goethes „Torquato Tasso“ gegen das allgemein vorherrschende Kunstverständnis der Gesellschaft, so zerlegte Zadek das bürgerliche Bildungstheater vor allem mit seiner Inszenierung von Schillers "Räuber" aus dem Jahre 1967, in der er zusammen mit seinem Bühnenbildner Wilfried Minks und dessen knallig-großen Roy-Lichtenstein-Collagen aus einem zeitlosen Stück einen Brocken voll zeitkritischen Geistes machte.

Zadeks Inszenierungen im Wandel der Zeit

Doch Peter Zadek war kein zwanghafter Revoluzzer, sondern ein leidenschaftlicher Theatermann, der sich immer in Beziehung zu seiner Zeit sah und sich dementsprechend weiterentwickelte. Nie legte er sich auf nur eine einzige Interpretation fest. Am besten konnte man das wohl an seinen sehr unterschiedlichen Inszenierungen von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ sehen. Spielte Hans Mahnkes den Shylock 1973 in Bochum als einen absoluten Widerling, der jedem Klischee eines Juden überzogen entsprach, so war der Shylock von Gert Voss 1988 in Wien eher der neutrale und emotionslose Bankertyp, an dessen geleckt-glatter Oberfläche sämtliche Vorurteile wirkungslos abprallten.

Peter Zadek und die Schauspieler

Die Schauspieler standen generell im Mittelpunkt von Peter Zadeks Schaffen. Mögen die Inszenierungen noch so unterschiedlich in ihren Stilistiken gewesen sein, eines hatten sie gemein: Die Liebe an der Wahrhaftigkeit von Darstellungen. Zadek hatte einen kleinen Kreis von 30 bis 40 Schauspielern, mit denen er immer wieder gerne zusammenarbeitete, die für ihn mehr Familie waren, als seine eigentliche es je sein konnte. Mit ihnen zeigte er auf der Bühne keine überhöhten Wunschvorstellungen von Menschen, sondern lebendige Wesen, die leiden und bluten konnten.

Peter Zadek – damals und heute

Je älter Zadek wurde, desto nachdenklicher wurde er in seiner Arbeit. Demolierte er als Jungregisseur eine Theaterwelt nach der anderen, und schaute, ob er unter den Trümmern etwas Verborgenes, Geheimnisvolles finden konnte, interessierte es ihn in den vergangenen Jahren, ob man als Mensch in eben einer solchen Schutthalde überhaupt noch (über)leben kann. Eine Antwort auf diese Frage konnte Peter Zadek nicht mehr finden. Nach kurzer, aber schwerer Krankheit verstarb er in der Nacht zum 30. Juli 2009 in Hamburg.

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